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Aktuelle Meldungen

Kultur nach dem Lockdown: digital wird normal

(02.07.2021)

Mit den gesunkenen Inzidenzen starten Kunst und Kultur wieder live durch – aber ist die Zeit der Online-Veranstaltungen vorbei? Eher nicht, denn es entstanden neue Formate mit teils neuen Zielgruppen und überraschenden Ergebnissen.

Von Dörthe Ziemer

Die Sessel sind zurechtgerückt, das Popcorn steht bereit, der Lockdown-Schlabberlook sitzt…! Es ist Konzertzeit und Party-Time zugleich: Das 1. Luckauer Kultur-Festival geht über die Bühne, nein: über den Bildschirm. Anstelle der Luckauer Kahnnacht flimmerten im Juli 2020 in Luckau und darüber hinaus stadtbekannte Künstler und Ensembles über die Fernseher, Tablets oder Handys. Es dürfte das erste Mal gewesen sein, dass so viele Sparten zusammenkamen: klassische Musik, Country, Tanz, Chorgesang, Rock & Pop, Schauspiel und Kirchenmusik. Wer sich die 120 Minuten vorab gefilmtes Material anschaute, hat wohl mehr als einmal weit über seinen eigenen Tellerrand hinausgeblickt... Die zweite Auflage startet am 3. Juli 2021 und das Programm ist ebenso vielfältig.

Quelle: Laga Luckau GmbH

Für Maja Jentsch, Geschäftsführerin der Luckauer Laga-GmbH, war es „überraschend, wie positiv alles aufgenommen wurde“, sagt sie. Das Publikum habe auf das Projekt so gut reagiert, dass die Kosten durch die Spenden direkt gedeckt worden seien. „Schon bei den Dreharbeiten war die Freude der Mitwirkenden zu spüren. Es gab auch viel Hoffnung, dass es bald wieder losgehen könnte.“ Der Hintergrund war durchaus ernst – die Absage zahlreicher Veranstaltungen bescherten auch den Kulturschaffenden in der Region viele Einnahmeausfälle. Das war einer der Gründe, warum sich die Laga GmbH auf die Suche nach Alternativen gemacht hat.

Die Luckauer seien die ersten gewesen, die eine solche digitale Umsetzung im Landkreis und Südbrandenburg veröffentlicht haben, sagt Maja Jentsch. „Für uns war es Neuland, und für mich war es wichtig, dass meine Mitarbeiter dabei etwas lernen. Ich bin sehr dankbar, dass mein Team so flexibel und offen war und noch immer ist, um solche Ideen zu entwickeln“, lobt die Chefin. Deshalb gibt es nicht nur eine Neuauflage des Festivals, sondern ein weiteres Angebot: Ab August soll es einen digitalen Rundweg im Stadtpark geben, auf dem man die künstlerischen Beiträge – auf einer Parkbank sitzend – hören kann. „Einfach nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern nach neuen Lösungen suchen und vor allem offen sein!“, ist die Devise von Maja Jentsch und ihrem Team.

„Einfach nicht den Kopf in den Sand stecken, sondern nach neuen Lösungen suchen und vor allem offen sein!“

Maja Jentsch, Laga Luckau GmbH

Eine analog-digitale Konzertvariante hat der Förderverein Lübbener Musikschüler entwickelt. Als im Sommer 2020 klar war, dass das traditionelle Schuljahres-Abschlusskonzert nicht möglich sein würde, wurden Einzelbeiträge von Musikschülern einfach via Leinwand auf dem Lübbener Marktplatz gezeigt. Neben Lübbener Schülern, die Klavier, Gitarre, Saxophon, Trompete, Querflöte, Klarinette sowie Akkordeon spielten und sangen, waren auch Musikschüler aus Königs Wusterhausen, Wildau und Zeuthen per Video vertreten. „Wenn die Pandemie überhaupt etwas Positives hatte, dann dass viele Menschen die Selbstverständlichkeiten wieder etwas besser schätzen lernen, so auch Bildung und Kultur. Und so waren und sind viele gierig nach Kulturveranstaltungen“, sagt Gisela Damaschke, stellvertretende Vorsitzende des Vereins. „Unser Ziel war und ist es, durch die Pandemie keinesfalls das Interesse an musikalischen Veranstaltungen einschlafen zu lassen.“

Im Förderverein sei, unterstützt durch einige Kreismusikschullehrer, ein Team entstanden, das immer wieder aktiv an neuen Ideen arbeitet: Dazu gehören ein Beethoven-Flashmob in Lübben, wo im Lübbener Beethovenweg ein Klavier auf fahrbarem Untersatz und weitere Instrumente zum Einsatz kamen, um Musik und Geschichten von und über Beethoven darzubieten, und eine digital-analoge Workshopreihe zum Ausklang des vergangenen Schuljahres. Mit solchen Aktionen sei es gelungen, möglichst viele Altersgruppen anzusprechen, von denen es positive Rückmeldungen gebe. „Warum soll man nicht altbewährte Formen auch mit neuen mischen?“, fragt die Vize-Vorsitzende und kündigt an, dass es am 24. September das nächste Video-Konzert auf dem Lübbener Marktplatz geben werde.

„Warum soll man nicht altbewährte Formen auch mit neuen mischen?“

Gisela Damaschke, Förderverein Lübbener Musikschüler

Bei der Niederlausitzer Kunst- und Musikschule in Luckau ging es nicht nur darum, Kultur stattfinden zu lassen, sondern auch die Ausbildung fortzusetzen und das Einkommen der Musiklehrer zu sichern, sagt Leiterin Martina Moriabadi. Der Unterricht fand digital statt, was lag da näher, als die Konzerte ebenso zu veranstalten? "Unser musikalischer Adventskalender wie auch unser digitales Frühlingskonzert wurden sehr positiv aufgenommen", so die Chefin.

Apropos Beethoven: Dass der 250. Geburtstag des großen Komponisten im vergangenen Jahr fast verloren ging, ist auch der Pandemie geschuldet. Zahlreiche Veranstaltungen konnten nicht durchgeführt werden, die den Fokus auf sein Schaffen richten sollten. Martina Büttner, Leiterin des Kinderchors der Chorgemeinschaft Eichwalde, hatte den Zuschlag für ein Beethoven-Projekt bekommen. Das hat sie kurzerhand selbst im Rahmen eines Videos umgesetzt. „Das kam im Verein, in der Region, bei den Eltern und Kindern super an! Wir bleiben am Thema dran und machen vielleicht ein Konzert mit diesem Video.“

Quelle: Kinderchor der Chorgemeinschaft Eichwalde / BMCO

Auch der Förderverein der Aquamediale, des Kunstfestivals im Spreewald, setzt weiter auf digitale Formate. Mit Konzertstreams und digitalen Künstler-Vorstellungen hat der Verein die Zeit des Lockdowns überbrückt, bis das Festival am 5. Juni open air vor Ort in Schlepzig starten konnte. „Wir werden zukünftig sowohl analoge als auch digitale Formate einsetzen“, sagt Projektleiterin Anika Meißner. „Wir stellen fest, dass die traditionellen Printformate die Absichten der international angelegten Aquamediale nur teilweise wiedergeben können. Deshalb liegt die Erweiterung einer digitalen Begleitung im Interesse aller.“

Dabei werde vor allem mehr junges Publikum, auch über die Sozialen Medien, erreicht, so Anika Meißner. Das überrascht kaum, wurden doch für die Livestreams so bekannte DJs wie Dr. Motte, Thomas Lizarra und Pretty Pink eingeladen. Rund 52.000 Aufrufe hat Lizarras Video derzeit auf seinem eigenen Kanal, etwa ein Zehntel davon auf dem Kanal des Künstlerhauses Eisenhammer, über den die Aquamediale-Videos eingespielt werden. Videos zu den eigentlichen Festival-Inhalten hingegen pendeln sich bei etwa 200 Aufrufen ein. Immerhin, sagt Anika Meißner, wurde mit dem Digital-Angebot „das Spektrum der Interessent*innen für das Kunstfestival aquamediale erheblich vergrößert. Auch neue Vereinsmitglieder konnten generiert werden“.

Quelle: Aquamediale e.V.

Über den digitalen Adventsmarkt von Lübben wird man dieses Jahr auch wieder spazieren können, hofft Marit Dietrich, Geschäftsführerin der Tourismus, Kultur und Stadtmarketing GmbH Lübben (Spreewald). Derzeit werde noch eine Finanzierung dafür gesucht, das Feedback des Publikums und der teilnehmenden Händler auf den Kalender 2020 sei gut gewesen. Hinter 24 Türen verbargen sich besondere Händler-Angebote, Gewinnspiele und mehr. Knapp 35.000 Zugriffe gab es auf den Kalender, davon 90 Prozent per Handy, wobei es nicht nur Interessenten aus der Region, sondern auch aus Sachsen und Berlin gab.

Auch wenn bei der Luckauer Musikschule kein neues Publikum erreicht wurde, sollen digitale Formate weiterhin eine Rolle spielen: "Aus den Erfahrungen nehmen wir mit, dass wir unsere grundsätzlichen Angebote und Konzerte in den digitalen Raum hinein erweitern können, z.B. Konzertaufzeichnungen online stellen oder einzelne Ausschnitte, auf unserer Website Teile davon veröffentlichen", sagt Martina Moriabadi.

„Für mich gehen Online- und Offline-Angebote mittlerweile Hand in Hand.“

Marie-Christin Krüger, Museum Schloss Lübben

Die vielen geplanten Neuauflagen von digitalen Veranstaltungsformaten zeigen also: Einen Weg zurück und Kultur ohne digitale Präsenz wird es künftig wohl kaum noch geben. „Für mich gehen Online- und Offline-Angebote mittlerweile Hand in Hand“, sagt Marie-Christin Krüger, die im Museum Schloss Lübben mit der Produktion von Youtube-Videos begonnen hat. Von Museumsmitarbeiterin in Szene gesetzte Erläuterungen zu bestimmten Bräuchen gehören dazu ebenso wie nachgestellte Spreewälder Sagen. Die „authentische und liebevolle Machart“ sei von vielen gelobt worden, so Marie-Christin Krüger. „Das besondere an digitalen Formaten: Sie wirken nachhaltig“, sagt die Museumsmitarbeiterin. „Die Inhalte und das darin verortete Wissen bleiben online und sind frei zugänglich. Dadurch können wir auch Themen hervorheben, die bisher weniger Platz hatten.“

Quelle: Museum Schloss Lübben

Für fast alle digitalen Angebote gilt: Es werden neue Zielgruppen erschlossen. Allerdings ist es nicht nur die jüngere Generation, die sich davon angesprochen fühlt. Auch Ältere nutzen das örtliche Kulturangebot im Internet. „Die Videos fanden ihren Weg zu Menschen, denen ein Museumsbesuch nicht immer möglich ist“, erklärt Marie-Christin Krüger vom Lübbener Museum. „So haben wir z. B. von einem Lübbener Seniorenheim gehört, dass die Bewohnerinnen und Bewohner dort unsere Sagenvideos gemeinsam geschaut haben.“ Eine ähnliche Erfahrung hat Maja Jentsch beim Luckauer Kultur-Festival gemacht: „Es war spannend zu sehen, dass natürlich auch viele Ältere interessiert waren und sich den Zugang zum Kulturfestival erklären ließen. Sie konnten da nun auch ihre Kinder und Enkel sehen und was so in Luckau los ist. Das hat die Hürde in die digitale Welt und die Berührungsängste genommen.“

So liegt der Mehrwert der digitalen Formate nicht nur darin, dass sie ein Kulturangebot im Lockdown überhaupt erst ermöglichen, sondern dass sie aufgrund ihres lokalen Bezugs auch die Lust und Neugier auf Kultur im Internet wecken und stärken. Das Museum Schloss Lübben nutzt die Videos künftig auch in der museumspädagogischen Arbeit, etwa die Aufzeichnungen zur Sonderausstellung „Du sollst doch wissen, dass ich an dich denke!“ über Lübbener Feldpostbriefe.

Quelle: Museum Schloss Lübben

„Bei aller Enttäuschung über die vielen ausgefallenen Veranstaltungen“, wie Marit Dietrich sagt, hätten die vergangenen Monate grundsätzlich die Chance geboten, neue Veranstaltungsformate auszuprobieren. „Es gab einiges, was ich schon länger in der Schublade hatte und was wir nun umsetzen konnten – etwa die Hafenmusik oder das Strandgeflüster“, erzählt sie. Dabei handelt es sich um kleinere, kostenfreie Konzertformate im Bereich der Lübbener Schlossinsel, die sonst Schauplatz großer Open-Air-Konzerte ist. „Diese kleinen Formate sind weniger risikobehaftet – wir müssen ja zunehmend beispielsweise auch mit Unwettern rechnen, die einem einzigen großen Konzert schnell einen Strich durch die Rechnung machen können.“ Außerdem sei Nachhaltigkeit im Spreewald ohnehin ein großes Thema.

„Diese kleinen Formate sind weniger risikobehaftet."

Marit Dietrich, TKS Lübben (Spreewald) GmbH

Die Chance, Neues zu wagen, hebt auch Marie-Christin Krüger vom Lübbener Museum hervor: „Mit Kreativität kann man auch in außergewöhnlichen Zeiten Menschen erreichen. Uns gab die Zeit einen Anstoß, unser Programm in den sozialen Medien auszubauen, um mehr Menschen zu erreichen. Das persönliche Erleben eines Museums ist wichtig, aber gleichzeitig eröffnen Videos z. B. in Hinblick auf die Barrierefreiheit ganz neue Möglichkeiten.“

Bei aller Freude über den Neustart der Kultur und die „digitale Kontinuität“ in den vergangenen Monaten stehen die Kulturmacher noch immer vor besonderen Herausforderungen. „Wir haben immer noch keine Planungssicherheit für größere Veranstaltungen“, sagt Marit Dietrich. Und die Hygieneauflagen trieben die Kosten und den Aufwand in die Höhe. Hinzu komme, so Marie-Christin Krüger, dass sich die Regelungen ständig ändern. Bei Martina Büttners Kinderchor wird es einen regelrechten Neustart geben: „Die Stimmen der Kids haben sich verändert. Sehr viel Singe-Kultur ging verloren, es durfte ja lange nicht gesungen werden.“ Geradezu einen Imageschaden befürchtet Maria Moriabadi: "Gerade was Sänger*innen und Bläser*innen, sowie grundsätzlich die Ensemblearbeit betrifft, ist ein Image-Schaden entstanden, der zum einen wissenschaftlich so nicht haltbar ist, zum anderen hat er gerade das in einer Gesellschaft Verbindende in Existenzgefahr gebracht."

"Gerade was Sänger*innen und Bläser*innen, sowie grundsätzlich die Ensemblearbeit betrifft, ist ein Image-Schaden entstanden."

Martina Moriabadi, Niederlausitzer Kunst- und Musikschule

Maja Jentsch spricht gar davon, dass sich die Szene sich gerade neu sortiere. „Corona hat gezeigt, wie wichtig die Kultur für das Wohlbefinden und den Ausgleich der Menschen ist. Wir hoffen, dass dies gesehen wird und mehr in den Fokus rückt.“ Dem kann Martina Büttner nur zustimmen: „Singen dient der Gesundheit, dem Bewegen des ganzen Körpers, dem Ausdruck von Gefühlen. Das wird schnell vergessen.“ Deshalb war sie besonders enttäuscht darüber, dass die Kultur in der Öffentlichkeit und bei politischen Entscheidungen ganz hintenanstehe und keine Lobby habe. Ähnlich formuliert es Martina Moriabadi aus Luckau: Die Kultur stehe oft an letzter Stelle, einmal gefällt Entscheidungen seien lange in Stein gemeißelt. Allerdings: "Die Kulturbranche wie auch unsere Musikschule hat schnell und flexibel reagiert, was nicht verwunderlich ist, da ja gerade Kreativität unser Markenzeichen ist. Doch oft wurde die Kreativität ausgebremst."

„Die Pandemie offenbarte deutlich, dass die Kultur systemrelevanter Bestandteil einer Gesellschaft ist“, formuliert Anika Meißner und ergänzt: „Die Aufgaben der Kunstschaffenden haben sich nicht geändert: Visionen für eine Gesellschaft zu schaffen. Wie immer diese dann aussehen.“

 

TIPP:

  • Das Land Brandenburg hat zu Beginn der Corona-Krise die Plattform kultur-bb.digital aufgelegt, die ein Schaufenster der Brandenburger Kulturszene in Zeiten der Covid-19-Pandemie schafft.
  • Unter dem Hashtag #KulturBB werden digitale Formate aus dem ganzen Land präsentiert. Jeder kann den Hashtag verwenden, um sein Angebot sichtbar zu machen.

Foto zur Meldung: Kultur nach dem Lockdown: digital wird normal
Foto: Unter dem Hasthag #KulturBB findet man digitale Angebote aus dem ganzen Land Brandenburg. Foto: Dörthe Ziemer

Neue Pfade fürs Baden

(02.07.2021)

Vergessen Sie die zehn schönsten Seen in Brandenburg – das seenreichste Bundesland hat viel mehr zu bieten. Je mehr sich die Gäste dort verteilen, umso erträglicher wird der Badetourismus. An den Hotspots wird er zur Qual, wie sich im Dahme-Seenland zeigt.

 

Von Dörthe Ziemer

 

Mit sandbestreuten Bierflaschen in der Hand, den Müllbeutel an den Kinderwagen gehängt, ziehen sie zurück zum Auto. Die parkenden Autos schmälern die Straße so, dass nur noch ein Fahrzeug hindurchpasst, Radler quetschen sich entlang, Kinder springen dazwischen herum, die Eltern sind mit Luftmatratze und Kühltaschen beladen. – Ein Badetag am Tonsee Klein Köris im Naturpark Dahme-Heideseen geht zu Ende.

 

Mehr als 500 zusätzliche Autos zählt das Ordnungsamt des Amtes Schenkenländchen an ganz heißen Tagen. Rechnet man im Schnitt drei Badegäste pro Auto, haben rund 1.500 Menschen an einem Tag den etwa 9 Hektar großen See besucht – neben allen, die zu Fuß, mit dem Fahrrad oder öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen.

 

In den Straßen am See wird es an heißen Tagen ziemlich eng. Foto: Dörthe Ziemer

Eng wird es in den Straßen, ...

Am Abend ziehen die Badtouristen wieder nach Hause. Foto: Dörthe Ziemer

... wenn hunderte Gäste mit dem Auto anreisen.


Später am Abend kommen die Einheimischen, Camper und Ferienwohnungsgäste, die hier eigentlich die Ruhe der Natur suchen und nur mal eben ins Wasser springen oder schwimmen wollen. Sie finden vergessene oder verlorene Wasserbälle und Badelatschen am Strand, ausgelesene Zeitungen auf Bänken, Glasflaschen im trockenen Kiefernwald und Windeln im Papierkorb. Bier-, Sektflaschen und viele Müllbeutel wurden nicht etwa mit nach Hause genommen, sondern in den überquellenden Müllbehältern an den Bushaltestellen entsorgt, dort, wo am nächsten Morgen die Schulkinder auf den Bus warten.

 

Brandenburg hat 400 ausgewiesene Badestellen


Diese Szenen wiederholen sich an jedem heißen Wochenende, aber ganz besonders dann, wenn der See mal wieder in einem der „Die zehn schönsten Seen in Brandenburg“-Ranking aufgetaucht ist. Ein solches überhaupt aufzustellen, ist in einem seenreichen Land wie Brandenburg einigermaßen absurd. Hier gibt es über 3000 natürlich entstandene Seen. Knapp 400 Naturbadestellen sowie Frei- und Strandbäder listet die Seite reiseland-brandenburg.de auf. Im Tourismusgebiet Dahme-Seenland sind es über 30 Badestellen. Einmal aufgestellt, reproduzieren sich solche Rankings scheinbar auch in zahlreichen Medien und Blogs – es finden sich immer dieselben Seen wieder. Die Sozialen Meiden tun ihr Übriges.


„Es ist eines unserer größten Unglücke, dass der Tonsee als Geheimtipp gilt“, sagt Amtsdirektor Oliver Theel. Denn die Bade- und Tagesgäste verursachten vor allem eines: Ärger und Arbeit. Müll ist zu entsorgen, Fahrzeughalter sind via Knöllchen daran zu erinnern, dass Rettungsfahrzeuge jederzeit durch- und Anwohner von ihren Grundstücken kommen müssen. Dabei würden die Einnahmen aus den Knöllchen mitnichten die Aufwendungen für das Personal wettmachen, sagt Oliver Theel. Die Forstverwaltung ist zu informieren, wenn Autos im Wald parken, wo erhitzte Motoren während besonders trockener Phasen zu Feuerteufeln werden können. Die Naturschutzbehörden müssen verhindern, dass Schilfgürtel niedergetreten und seltene Tierarten gestört werden.

 

Eher die kaum wahrnehmbaren Gäste kurbeln den Tourismus an


Dabei sind es nicht die Bade- und Tagesgäste, die den Tourismus ankurbeln, sondern jene Touristen, die eben kaum wahrnehmbar sind: die Paddler, Radfahrer, Wanderer und Camper, die in der Regel ihren Müll mitnehmen, Trubel meiden, Ruhe suchen und „unberührte Natur“ beobachten wollen. Damit wirbt zumindest das Reiseland Brandenburg. Doch wie sich der Badetourismus an Seen wie dem Tonsee, der als ehemalige Grube weder Zu- noch Abfluss hat, auswirkt, ist fraglich. „Wir haben Sorge, dass der See mal kippen könnte“, sagt der Amtsdirektor. „Dann bekommen wir das nie wieder hin.“ Ein WC ist vor Ort zwar durch den privaten Campingplatz vorhanden, aber das ist für solche Menschenmassen gar nicht ausgelegt.

 

Am Klein Köriser Tonsee suchen an heißen Tagen hunderte Gäste Erfrischung. Foto: Dörthe Ziemer


Schon wachsen Ansprüche „‘Ihr müsst da mal was machen‘, bekommen wir oft zu hören“, erzählt Oliver Theel. „Doch als kleine Amtsverwaltung haben wir zuerst für die Wasserversorgung unserer Einwohner, für Radwege, Schulen und Kitas zu sorgen.“ Kapazitäten für Tourismus seien da kaum vorhanden, auch wenn es für verschiedene Gewerbetreibende natürlich etwas bringe, wenn Touristen in der Region sind. Aber dies seien dann eben jene, die länger verweilen, die Restaurants besuchen, hier einkaufen und mehr – und nicht die Badetouristen, von denen viele fordernd und anspruchsvoll unterwegs seien. Mit einem Parkplatz am Tonsee mit etwa 40 Stellflächen, befestigten Anrainer-Straßen statt Sandpisten und Pollern vor den Waldgebieten hat das Amt versucht zu reagieren – aber angesichts der vielen Badegäste erscheint das wie ein Tropfen auf den heißen Sommerstein.

 

Besucherlenkung zu weniger überlaufenen Zielen


Die Sorgen des Amtsdirektors, seiner Mitarbeiter und vieler Anwohner teilen auch die Verwaltung des Naturparks Dahme-Heideseen und der Tourismusverband Dahme-Seenland. Letzterer hat die besonders hoch frequentierten Seen in Abstimmung mit den Kommunen „aus der aktiven Kommunikation“ herausgenommen, erklärt Marketing-Leiter Norman Siehl. Als „Point of Interest“ (interessanter Punkt) blieben sie in der POI-Datenbank natürlich erhalten. „Wenn wir etwas bewerben, dann achten wir auf eine sinnvolle Besucherlenkung zu Zielen, die nicht überlaufen sind“, berichtet er. So wird beispielsweise unter dem Titel „Radeln und Baden“ eine Fahrradtour im südöstlichen Berliner Umland beworben, die gleich zu mehreren Badestellen führt – naturverträglicher, autofreier Individualtourismus also, wenn sich denn der Gast an allgemeine Spielregeln hält.

 

Vergessene Badeladtschen am Klein Köriser See. Foto: Dörthe Ziemer

Vergessene Badelatschen,

Müll am Klein Köriser See. Foto: Dörthe Ziemer

...Bierflaschen, Müll und

Eine vergessene Trinkflasche am Klein Köriser See. Foto: Dörthe Ziemer

... Trinkflaschen am See.


Daran hapert es zunehmend, hat Norman Siehl festgestellt: „Wie man auf die Idee kommen kann, seinen Müll einfach liegen zu lassen, verstehe ich nicht“, sagt er verärgert. „Viele Gäste haben nicht das Bewusstsein dafür, dass sie hier in einem Naturpark sind.“ Dies sei jedoch ein gesellschaftliches Problem, kein rein touristisches. Die Corona-Pandemie, durch die die Menschen vermehrt in der eigenen Region Erholung suchen, habe das Problem verschärft, sagt Melanie Wagner, bei der Naturparkverwaltung zuständig für Nachhaltige Gebietsentwicklung.

 

Campen im Naturschutzgebiet, Bootshalt im Schilf


„Wir spüren einen erhöhten Besucherdruck durch Tagesgäste, aber auch durch Camper und Wassertouristen“, sagt sie. Camper stellten sich irgendwo mitten in die Naturschutzgebiete und interessierten sich nicht für Hinweisschilder. Der Bootsverkehr auf der Dahme-Wasserstraße habe enorm zugenommen und Menschen, die sich in der Natur nicht auskennen, stellen sich mitten ins Schilf, wo Tiere gestört werden. Hinzu komme, dass die Infrastruktur mit der Entwicklung nicht immer mithält. „Es gibt zum Beispiel zu wenige Entsorgungsstationen für Fäkalien von Hausbooten“, so Melanie Wagner. Da steige die Gefahr, dass das dann im See landet. Ebenso groß sei die Gefahr, dass die Wasserqualität von Seen, die über die Saison extrem von Badenden genutzt werden, leidet.


Neben notwendigen Kontrollen über das Einhalten von Vorschriften, die in allen Verwaltungen knappen Personalressourcen gegenüberstehen, müsse der nachhaltige Tourismus gefördert werden, fordert Melanie Wagner. „Wir müssen Gäste noch mehr dafür sensibilisieren, dass sie sich im Naturpark entsprechend verhalten.“ Beschilderungen müssten ausgeweitet werden. Unterstützung kommt dabei von der Tourismus-Marketing Brandenburg GmbH (TMB) und dem Naturschutzfonds, die die Marketing-Kampagne #draussenmitrücksicht über richtiges Verhalten in der Natur für die Sozialen Netzwerke gestartet hat. „Die hat einen netten Rahmen und kommt nicht mit erhobenem Zeigefinger daher“, lobt Norman Siehl.

 

Es ist nicht schwierig, weniger ausgetretene Pfade zu finden. Die TMB hat mit ihrem Tourismuspreis-gekrönten Content-Netzwerk große Datenbanken aufgebaut, die zahlreiche Reiseziele und Touren enthält, darunter eben die vielen Naturbadestellen. Die einzelnen Tourismusgebiete bauen daraus, je nach Saison und Marketingschwerpunkt, Internetseiten zusammen, die Lust aufs Entdecken machen und für eine breite Streuung interessierter Besucher sorgen könnten – wären da nicht Rankings und zahlreiche bildreiche Empfehlungen bei Facebook, Instagram und Co. Dagegen könne man dann nicht viel machen, so Marketing-Experte Norman Siehl. Und auch Melanie Wagner sagt: „Wenn auf einem privaten Instagram-Kanal ein toller Waldsee empfohlen wird, fahren die Leute halt hin.“
 

 

Infografik_Wassertourismus_DruckdateiDie Stiftung Naturschutzfonds bietet..

Infografik_Verhalten_in_Schutzgebieten_Druckdatei

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Foto zur Meldung: Neue Pfade fürs Baden
Foto: Im Naturpark Dahme-Heideseen, hier der Klein Köriser See. Foto: Dörthe Ziemer