Der Nord-Süd-Konflikt

26.05.2021

Verwaltungsgrenzen bestimmten schon vor zweihundert Jahren das Leben der Menschen. 1815 verloren Lübben seine Hauptstadtfunktion und die Niederlausitz ihre Eigenständigkeit. Die Auswirkungen sind bis heute spürbar – auch in Dahme-Spreewald.

 

 

entnommen aus dem Buch „Siehdichum“ von Uwe Rada,
erschienen 2020 im Bebra-Verlag Berlin.
(S. 181-188)

Von Uwe Rada

 

Als Brandenburgs damaliger Innenminister Karl-Heinz Schröter 2015 die ersten Pläne für eine Kreisreform vorstellte, ging ein Schrei der Empörung durchs Land. Statt der seit 1993 bestehenden 14 Landkreise sollte es ab 2019 nur noch sieben, höchstens aber zehn geben. Kreisfrei sollte fortan nur noch Potsdam als Landeshauptstadt bleiben. Frankfurt (Oder) sollte dagegen in den neu zu bildenden Kreis Frankfurt-Oder-Spree eingegliedert werden.

 

Der Neuzuschnitt von Verwaltungsgrenzen hat immer etwas Einschneidendes.

 

Der Neuzuschnitt von Verwaltungsgrenzen hat immer etwas Einschneidendes. Doch die seit 2015 geplante, im November 2017 überraschend aber wieder abgeblasene Kreisreform war nichts im Vergleich zu dem, was zweihundert Jahre zuvor über die Menschen in der Region um Siehdichum gekommen war. Nach der Reform von Innenminister Schröter wären die Menschen in Neuzelle, Friedland, Beeskow und Lieberose immerhin noch Brandenburgerinnen und Brandenburger geblieben. 1815 aber mussten sich diejenigen, die bis dahin in der sächsischen Niederlausitz lebten, mit einer neuen Herrschaft arrangieren. Im Zuge der Neuordnung Europas nach der napoleonischen Zeit war auf dem Wiener Kongress entschieden worden, dass Sachsen die Niederlausitz an Preußen abgeben musste.

 

Frankfurt war, anders als 2015 geplant, bei dieser Neuordnung nicht potenzielles Opfer, sondern strahlende Gewinnerin. Ganz selbstverständlich war das nicht. Mitten in den Wirren der Franzosenzeit hatte Frankfurt 1811 die Viadrina verloren. Weil im Jahr zuvor die Berliner Universität gegründet worden war, die heutige Humboldt-Universität, wurde die 1506 als erste Landesuniversität in Brandenburg gegründete Viadrina von Frankfurt oderaufwärts nach Breslau verlegt. Für Frankfurt war das ein herber Rückschlag, meint der langjährige Leiter des Stadtarchivs, Ralf-Rüdiger Targiel. „Die ganze Stadt lebte mit und von der Universität.“ Wovon sollte sie aber künftig leben?

 

In dieser Zeit des Umbruchs, in der noch nicht abzusehen war, dass die Niederlausitz zu Preußen kommen würde, sah die Stadt keine andere Wahl, als sich an den König höchstpersönlich zu wenden. Friedrich Wilhelm III. hatte ein Einsehen. Per Königlicher Kabinettsorder vom 28. Dezember 1814 verfügte er, das Neumärkische Oberlandesgericht von Soldin und die Neumärkische Regierung von Königsberg in die Oderstadt zu verlegen. Die Einrichtungen sollten den Verlust der Universität ein Stück weit ausgleichen.

 

Als dann 1815 Frankfurt neben Potsdam auch noch Sitz eines der beiden Regierungspräsidien der neuen preußischen Provinz Brandenburg werden sollte, war die Freude groß. Schnell stellte die Stadt der neuen Behörde einige Grundstücke in der Nähe des Marktplatzes zur Verfügung, darunter die Stadtschule und das Kalandshaus. Die Graupengießergasse wurde in Regierungsstraße umbenannt, wie sie heute noch heißt. Nach dem Abbruch der alten Gebäude in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde auf dem ganzen Karree zwischen Logenstraße und Regierungsstraße von 1898 bis 1903 das neue Regierungspräsidium im wilhelminischen Stil errichtet. Heute beherbergt es das Hauptgebäude der 1991 wieder gegründeten Viadrina als Europa-Universität. So verknüpfen sich an dieser Stelle auf ganz besondere Weise Universitäts- und Stadtgeschichte.

 

Wurden die schon vorher preußischen Territorien der Region, also Beeskow und Müllrose, nun besser behandelt als die ehemals sächsischen?

 

Was aber bedeutete das Glück von Frankfurt für Siehdichum? Wurden die schon vorher preußischen Territorien der Region, also Beeskow und Müllrose, nun besser behandelt als die ehemals sächsischen? Wurden auch Bewerber aus der Niederlausitz als Beamte im neuen Regierungspräsidium angestellt, das 1820 seine Arbeit aufnahm? Gab es für die „rückständigen Gebiete“ der Niederlausitz besondere Förderprogramme? Und wie wurden die einzelnen Kreise behandelt?

 

Komplett zerschlagen wurden die Zugehörigkeiten beim Aufbau der neuen Verwaltung nicht. Das ehemalige Ordensamt der Johanniter in Friedland blieb zum Beispiel beim Kreis Lübben. Das Kloster Neuzelle gehörte nach seiner Auflösung 1817 weiterhin zum Kreis Guben. Müllrose und alle Orte nördlich des Friedrich-Wilhelm-Kanals wurden dem Kreis Lebus zugeschlagen. Einzig Beeskow tanzte bei der Neuordnung aus der Reihe. Es wechselte 1836 vom Kreis Lübben im Regierungspräsidium Frankfurt (Oder) zum Regierungspräsidium in Potsdam und bildete dort zusammen mit Storkow den neuen Kreis Beeskow-Storkow.

 

Mit der neuen Regierung in Frankfurt verlor die Niederlausitz ihre Eigenständigkeit und war nun stärker nach Norden ausgerichtet.

 

Während ich das schreibe, spüre ich, wie technisch das alles klingt, wie bürokratisch und leblos, dabei war die Neuordnung der Verwaltungsgrenzen vor zweihundert Jahren für das Leben der Menschen ein massiver Einschnitt. Mit der neuen Regierung in Frankfurt verlor die Niederlausitz ihre Eigenständigkeit und war nun stärker nach Norden ausgerichtet. Doch mit wem ich in Frankfurt auch sprechen wollte, kaum einer konnte oder wollte mir Auskunft darüber geben, wie Frankfurt mit seiner „Beute“ aus dem Wiener Kongress umgegangen war, ob das Glück Frankfurts für andere ein Unglück war, ob die Niederlausitz gegenüber den anderen Territorien des Regierungsbezirks, der östlichen Kurmark oder der östlich der Oder gelegenen Neumark, benachteiligt wurde.

 

Sollte es so gewesen sein, ließen es sich die preußischen Bürokraten jedenfalls nicht anmerken. In der 1848 erschienenen Schrift Der Regierungsbezirk Frankfurt an der Oder beschreibt der Verfasser Dr. Eugen Kuhn den östlichen Teil der Provinz Brandenburg „geographisch, statistisch und topographisch“ äußerst nüchtern und sachlich. Es ist zu erfahren, dass in den 18 Kreisen 799.772 Menschen lebten und „der ganze Regierungsbezirk eine weite, mit vielen Waldungen bedeckte, im Süden meistens sandige Ebene (bildete), welche hier und da durch Hügelreihen unterbrochen wird“. Die bevölkerungsreichsten Kreise lagen mit Königsberg (76.812) und Sternberg (72.432) in der östlich der Oder gelegenen Neumark. Die mit den wenigsten Bewohnern waren die Spreekreise Lübben (28.691) und Spremberg (14.216). Seit der Reise des Pastors Christian Gottlieb Schmidt durch die „wendische Tartarei“ scheint der Kreis Lübben also wenig Boden wettgemacht zu haben, auch nicht als Kreis eines preußischen Regierungsbezirks.

 

Seit der Reise des Pastors Christian Gottlieb Schmidt durch die „wendische Tartarei“ scheint der Kreis Lübben also wenig Boden wettgemacht zu haben, auch nicht als Kreis eines preußischen Regierungsbezirks.

 

Den größten Teil des Werkes von Kuhn nimmt die Beschreibung der Kreise, ihrer Städte und Dörfer ein. Über den Kreis Lübben, zu dem auch Grunow gehörte, heißt es: „Er umfasst drei Städte, 140 Dörfer, Vorwerke und Etablissements, 18 Rittergüter, 3.652 Häuser u. 28.691 Einwohner, wobei 95 Katholiken und 124 Juden.“ Die Bevölkerungsdichte gibt Kuhn mit 1.515 Menschen je preußischer Quadratmeile an. Auf Quadratkilometer umgerechnet waren das 27 Menschen. Zum Vergleich: Heute beträgt die Bevölkerungsdichte des Landkreises Oder-Spree 79 Einwohner je Quadratkilometer. 1848 hatten die drei Städte Lübben, Lieberose und Friedland 4.691, 1.487 und 921 Einwohnerinnen und Einwohner.

 

2021-05_Siehdichum_Staendehaus

 

Für Kuhn sind die 28 Jahre, die der Regierungsbezirk zum Zeitpunkt seiner Publikation bestand, vor allem eines – eine Erfolgsgeschichte. So stieg nicht nur die Zahl der Bewohner von 1831 bis 1840 um fast 80.000 an. Auch in die Infrastruktur hatte das Regierungspräsidium in der Frankfurter Regierungsstraße investiert. „Die Kunststraßen haben jetzt eine Länge von 48 1/8 Meilen, während sie 1817 erst 7 ½ M. Lang waren.“ 48.125 preußische Meilen entsprechen einer Länge von 374 Kilometern gegenüber 58 Kilometern im Jahr 1817. Wie viele Kilometer an Chausseen es in der Niederlausitz zur Zeit der Übernahme durch Preußen gegeben hat, geht aus den Statistiken von Kuhn nicht hervor. Allerdings gab es auch in Berlin die erste Chaussee erst mit der Pflasterung der Linden 1789.

 

Auch die Überführung des Klosters Neuzelle in ein preußisches Stift erwähnt er nicht. Stattdessen lobt er Frankfurt als neuen Verwaltungssitz mit dem Regierungspräsidium, dem Oberlandesgericht und den Finanzbehörden. Aber wer arbeitete in diesen Behörden? Während Kuhn darüber kein Wort verliert, berichten andere Autoren, dass der Adel verhältnismäßig stark in der preußischen Verwaltung tätig war. Auch die Absolventen der Universitäten, die in den Behörden ihre Karriere starteten, wurden nicht selten nobilitiert. Ob eine preußische Beamtenkarriere für die stolzen Adligen auf ihren Lausitzer Rittergütern erstrebenswert war, habe ich nicht erfahren.

 

Frankfurts Glück war also Lübbens Unglück.

 

Was bedeutete die Zäsur von 1815 für Siehdichum? Ich war irgendwo an einer Sackgasse angekommen. In Frankfurt kam ich nicht weiter. Also doch wieder nach Süden, nach Lübben, ins Oberamtsregierungshaus, wie das Schloss auf der Spreeinsel bis 1815 hieß. Denn Lübben war in sächsischer Zeit nicht nur Kreisstadt, betont Corinna Junker, die im Schoss das Museum leitet. „Lübben war seit dem 17. Jahrhundert die Hauptstadt der Niederlausitz.“ Frankfurts Glück war also Lübbens Unglück. „Nach 1815 verlor Lübben die Oberamtsregierung, das Finanzamt, das Amtsgericht. Das ging alles nach Frankfurt“, sagt Corinna Junker.

 

2021-05_Siehdichum_Schloss-Ostgiebel

 

In ihrem Arbeitszimmer mit Blick auf die Schlossinsel hat sie ein paar Dokumente ausgebreitet, die zeigen, wie sehr sich die Zäsur 1815 auf das Leben in der Niederlausitz ausgewirkt hat. „Wenn man sich die Quellen durchliest, findet man immer wieder Klagen. Die Goldschmiede zum Beispiel haben plötzlich keine Arbeit mehr, weil kein Richter mehr einen Ring braucht. Die Putzmacher, die die Perücken herstellen, sind arbeitslos.“

 

„Da beschweren sich die Stände, dass sie keinen Johannislandtag mehr abhalten dürfen. Die sind richtig sauer, dass ihnen die Hauptaufgaben weggenommen werden.“

 

Doch nicht nur die kleinen Leute klagen über Verluste, sondern auch die Adligen. „Es gibt hier ein Originaldokument vom 26. November 1816, also gewissermaßen kurz danach“, sagt Junker. „Da beschweren sich die Stände, dass sie keinen Johannislandtag mehr abhalten dürfen. Die sind richtig sauer, dass ihnen die Hauptaufgaben weggenommen werden.“ Zu diesen Aufgaben gehörten Steuerbewilligungs- und die Steuererhebungsrechte. „Das traf die Stände mehr als der Verlust anderer Privilegien.“

 

Der Beschwerdebrief, den Corinna Junker gefunden hat, ging an das Regierungspräsidium in Frankfurt (Oder). In den Dokumenten findet sich zwar keine Antwort der Behörde, wohl aber ein Hinweis darauf, wie die Landstände das Problem lösten. „Sie haben 1824 die Hauptsparkasse der Niederlausitz gegründet. Durch den Landrat und den Landsyndikus.“

 

2021-05_Siehdichum._Landratsamt_Sparkasse

 

Landsyndikus der Niederlausitz war zu dieser Zeit Ernst von Houwald, eine schillernde Gestalt mit Sitz auf Schloss Neuhaus bei Lübben, das er in einen Musenhof verwandelte, auf dem unter anderem Bettina und Achim von Arnim, Adelbert von Chamisso, Friedrich de la Motte Fouqué, Franz Grillparzer und Ludwig Tieck ein- und ausgingen. Houwald war es auch, der 1826 Karl Friedrich Schinkel überredete, in Straupitz eine neue Kirche zu bauen. Bei meinem Besuch in Corinna Junkers Museum fällt endlich der Groschen. Immer wieder hatte ich mich gefragt, warum ausgerechnet eine so kleine Herrschaft wie Straupitz eine solch beeindruckende Kirche mit zwei Türmen bekommen konnte. Nun weiß ich, dass es der Trotz der Lausitzer Adligen war, die den Verlust ihrer Autonomie nicht ohne weiteres hinnehmen wollten.

 

Abgehängtsein von den Landesherren und Autonomie waren immer Hand in Hand gegangen.

 

Ein vergessenes Land, sagt Junker, sei die Lausitz vor 1815 gewesen, Abgehängtsein von den Landesherren und Autonomie waren immer Hand in Hand gegangen. „Doch dann kam der Break, jetzt wird gesagt, wir haben ein neues Ordnungssystem, eine andere Gesetzgebung, jetzt ist Schluss mit den Privilegien.“

 

Bei der Sache mit dem Johannislandtag haben die Lausitzer gelernt, dass sie auf Frankfurt nicht hoffen dürfen. In einer anderen Sache haben sie deshalb erst gar nicht mehr an das Regierungspräsidium geschrieben, sondern gleich an den König in Berlin. „Es ging um das Schloss, in dem wir hier sitzen“, erzählt Corinna Junker. „Nachdem es nicht mehr als Oberamtsregierungshaus genutzt wurde, fehlte der große Publikumsverkehr. Nur noch der Landrat war noch hier, er durfte zwar im Schloss wohnen, hatte aber weniger Personal. Das führte dazu, dass das Haus marode wurde. Der Westgiebel fing an, abzusacken.“

 

Im Schreiben an den König machen die Lübbener noch einmal auf ihre schwierige Lage aufmerksam, erklärt die Museumschefin. „Sie betonen, dass man als Stadt massiv an Bedeutung verloren hat. Der König sollte sehen, dass er es mit Lübben zu tun hat und nicht mit irgendjemandem. Und dann wird auch noch beklagt, dass es sich um das einzige landesherrliche Schloss im Markgraftum Niederlausitz handelt, denn die übrigen schlossartigen Gebäude zu Sorau, Spremberg, Friedland und Dobriluk seien eigentlich nur standesherrliche Wohnungen.“

 

Sollten die Lübbener darauf gehofft haben. den König zu beeindrucken, sahen sie sich getäuscht. „Der König schreibt zurück, dass er die Wiederherstellung nicht leisten kann“, zitiert Junker aus dem Antwortschreiben. „Unter Berücksichtigung des sonstigen baulichen Zustands lohne es sich nicht, den Westgiebel zu sanieren. Und dann spricht er auch noch vom geringen architektonischen Wert des Schlosses.“

 

Auch wenn das Schreiben an den König keinen Erfolg hatte, mit Frankfurt waren die Lübbener fertig. Und selbst wenn man dort in irgendeiner Angelegenheit hätte vorstellig werden wollen, wäre es eine beschwerliche Reise gewesen. Mit der Bahn konnte man von Lübben erst 1901 in die Regierungshauptstadt reisen. So lange dauerte es, bis die Niederlausitzer Eisenbahn fertiggestellt war. In Beeskow hieß es dann, weiter bis Grunow zu fahren, um dann Richtung Frankfurt umzusteigen.

 

Nach Berlin dagegen fuhr der Zug schon seit 1867, und zwar direkt.

 

Siehdichum

Uwe Rada

Siehdichum

Annäherungen an eine brandenburgische Landschaft

Mit Fotografien von Inka Schwand

 

224 Seiten, 13 x 19,5 cm, Gebunden, 60 farbige Abbildungen

Dezember 2020

20,00 €

ISBN 978-3-86124-742-5

 

erhältlich im Berliner Bebra-Verlag

 

Wie es heute um die Identität der Region zwischen Spreewald und dem Berliner Stadtrand bestellt ist, lesen Sie in Uwe Radas Text Im Land Der Sonne.

 

Bild zur Meldung: Buchcover Siehdichum (Ausschnitt)