Editorial: Die Neuentdeckung des Lokalen

26.05.2021

Die große Politik spiegelt sich vor Ort so komplex wider, wie sie in der Hauptstadt diskutiert wird. Das neue Magazin Wokreisel will diese Komplexität abbilden – und Vielschichtigkeit zulassen. Wo? Im Landkreis/wokrejs Dahme-Spreewald…

 

Von Dörthe Ziemer

 

Kürzlich haben zwei Hauptstadtjournalisten auf Facebook festgestellt, dass sie wieder öfter mit Landräten und Bürgermeistern, mit „Provinzlern“ reden müssten. Ich habe gefragt, ob das Satire sei, und sie nach ihrem Nein eingeladen, einmal aus ihrer Berliner Filterblase heraus aufs Land zu kommen.

 

Eine Neuentdeckung des Lokalen also? Jein!

 

Für mich als gelernte Lokaljournalistin, gebürtige Niederlausitzerin und überzeugten Provinzmenschen war das Lokale seit jeher wichtig. Denn das, was einen vor Ort umgibt, ist für die Menschen das Reale. Die große Politik, das Geschehen in der Hauptstadt, ist das über Medien Vermittelte. Das eine hat natürlich Einfluss auf das andere und umgekehrt: Wo sollte sich diese Erkenntnis besser gewinnen lassen als in der Provinz? Gerade jetzt in der Pandemie zeigt sich, wie stark die Auswirkungen von Gesetzen und Verordnungen vor Ort sind und wie sehr der Gesetzgeber darauf angewiesen ist, über diese Auswirkungen Rückmeldungen zu bekommen.

 

Das Große spielt sich also im Kleinen ab, ohne dass es klein wird. Die Probleme, die die große Politik zu lösen versucht, zeigen ihre Vielschichtigkeit gerade in der Provinz, dort, wo die Meinungen und Erfahrungen aufeinanderprallen. Ein Schlagabtausch der politischen Meinungen, wie er im Bundestag geführt wird, ist eine Sammlung aus wissenschaftlichen, praktischen und politischen Erkenntnissen. Aber vor Ort haben wir es mit konkreten Erfahrungen und daraus resultierenden Meinungen der Menschen zu tun, und sie sind dort so komplex wie im Bundestag.

 

Wie aber bildet man diese örtliche Komplexität ab? Dazu braucht es Betrachtungen, die den Tag und die Woche überdauern. Was bleibt von tagesaktuellen Entwicklungen, was steckt hinter den Nachrichten? Welche großen Dinge sind es, die sich im Kleinen widerspiegeln? Diese Fragen zu stellen und mögliche Antworten zu geben, ist Anspruch des Wokreisels. Dabei liegt der Fokus auf der konstruktiven Perspektive: Warum ist etwas, wie es ist, und wie geht es weiter? Es kommt darauf an, viele Sichtweisen und Erfahrungen in einem Text zusammenzubringen: nicht nur aus den verschiedenen Sparten und Ebenen unserer Gesellschaft, sondern auch die Innen- und Außenperspektiven etwa von Einheimischen und Zugezogenen.

 

Denn manchmal ist die Antwort auf ein Problem auch „nur“ die Erkenntnis von Vielschichtigkeit. Die Anerkennung von Ambivalenz erschwert zwar das Schreiben von Texten und erst recht das Finden von Überschriften und Vorspännen, ist aber ein lohnendes Ziel! Denn Ambivalenz regt zu Diskussion und Reflexion an: Wo stehe ich selbst in einer komplizierter werdenden Welt? Welche Fragen stellen sich, welche Antworten kann ich selbst geben? Was kann ich zu einem gelingenden Leben in unserer Gesellschaft beitragen? Die Erkenntnis von Vielschichtigkeit soll die Leser zu Handlung und Haltung animieren. Denn das Leben ist leider nie einfach. Auch im Lokalen nicht. Das Große im Kleinen bleibt groß.

 

Das erkennen, siehe oben, inzwischen auch die „Großen“ an. Aus einem Interview mit einem Landrat oder einem Bürgermeister erwächst eben manchmal mehr Erkenntnis als aus der Befragung eines Parlamentariers. Wie vor diesem Hintergrund Lokaljournalismus gestärkt werden kann, darüber ist inzwischen eine breite Diskussion entstanden. In Brandenburg führte sie dazu, dass der Landtag ein Programm zur Förderung des Lokaljournalismus auf den Weg gebracht hat, dessen Gelder nun durch die Medienanstalt Berlin-Brandenburg an 35 Bewerber ausgereicht wurden.

 

Aber kann und sollte der Staat Journalismus fördern? Wiederum ein klares: Jein.

 

Eigentlich besteht das Gebot, dass sich der Staat der Presse (den Massenmedien) fernzuhalten habe. Wenn aber alte Erlösmodelle, wie sie von klassischen Zeitungsverlagen lange betrieben wurden und werden, aus verschiedenen Gründen nicht mehr ausreichend funktionieren und der Lokaljournalismus einzugehen droht, muss etwas Neues entstehen. Für diese Phase des Übergangs, für neue journalistische Wege und Wagnisse, braucht es Unterstützung. Diese kann auch durch den Staat gewährt werden, solange es keine inhaltliche Beeinflussung gibt. In Bezug auf das Projekt Wokreisel kann ich dafür die Hand ins Feuer legen, denn es finden sich keinerlei inhaltliche Vorgaben im Fördermittelbescheid, den ich erhalten habe.

 

Damit nun kann der Wokreisel starten. Er soll für jeden zugänglich sein und gemeinnützig finanziert werden. Das Anliegen, alternative Finanzierungsmodelle für journalistische Inhalte zu finden und durch neue Nischenangebote die journalistische Vielfalt gerade auch im ländlichen Raum zu stärken, wird von einer wachsenden Zahl an Akteuren getragen, wie ein Blick zum Forum Gemeinnütziger Journalismus zeigt.

 

Bei solchen Projekten ist Transparenz das oberste Gebot: Woher stammt die Finanzierung und welche Macher stecken hinter den Projekten? Journalisten müssen zwar objektiv berichten, aber sie sind keine Maschinen, sondern Menschen mit Biografien. Sie arbeiten nach journalistischen Standards, die für jeden im Pressekodex einsehbar sind. Ihre Nichteinhaltung kann beim Presserat angezeigt werden. Über Transparenz möchten wir mit unseren Lesern im ständigen Dialog sein. Deshalb finden Sie uns in den Sozialen Netzwerken – auf Twitter, Facebook und Instagram. Gern können Sie uns auch eine E-Mail schreiben.

 

Damit Sie jederzeit wissen, mit wem Sie es zu tun haben, haben wir auf unserer Seite „Über uns“ aufgeschrieben, wer wir sind, was uns antreibt und auch, wo wir uns ehrenamtlich engagieren. Wir möchten glaubwürdig und authentisch sein und freuen uns auf einen Austausch mit Ihnen.

 

Was das alles mit dem Landkreis Dahme-Spreewald zu tun hat? Das hat Uwe Rada versucht zu ergründen. Seien Sie gespannt! Nur so viel: Wokreisel ist eine Wortschöpfung aus den Wörtern Kreis, Kreisel und dem niedersorbischen Wort für Landkreis: wokrejs. Das Wort wird auf der ersten Silbe betont und mit einem kurzen, offenen o gesprochen.

 

Wir wünschen Ihnen eine erkenntnisreiche Lektüre!

 

Bild zur Meldung: Dörthe Ziemer, freie Journalistin