"Ein klarer Kulturauftrag" - Interview zum Start der Festivalsaison

26.05.2021
„Ein klarer Kulturauftrag“

Der Wahl-Lübbener Wolfram Korr leitet erstmals die Brandenburgischen Sommerkonzerte, die in dieser Saison auch in Luckau und Straupitz Station machen. Neben den Pandemie-bedingten Herausforderungen treibt ihn eine behutsame Erneuerung des Klassikers um.

 

Von Dörthe Ziemer

 

Von der weißen Wand in der Berliner Schillerstraße, vor der Wolfram Korr im Videogespräch sitzt, ist Brandenburg nur einen Büroflur entfernt. Schloss Steinhöfel erstrahlt in schönsten Sommerfarben, wenn der neue Chef der Brandenburgischen Sommerkonzerte seine Laptop-Kamera in den neuen Show-Verkaufsraum richtet: Das riesige Foto eines der schönsten Herrenhäuser der Mark spannt sich hinter einem roten Sofa auf. Realität und Virtualität verschwimmen hier – gleich dem Wandel zwischen den Welten, den die Brandenburgischen Sommerkonzerte immer wieder erfolgreich vollziehen.

 

Gestartet nach der Wende von 1989 als Idee von Berliner und Brandenburger Klassikfans, die „raus ins Brandenburgische“ und zugleich dessen zahlreiche Denkmäler retten wollten, hat sich das Festival zum wohl größten Musikevent im Land etabliert, bei dem immer wieder nicht nur nationale, sondern internationale Musikgrößen vertreten sind. Zugleich war die Begegnung mit dem jeweiligen Konzertort und seinen Menschen seit jeher Teil des Programms: Die klassische Kaffeetafel für Berliner Musikliebhaber, die in Bussen aufs Land gefahren werden, steht als Symbol dafür. Dennoch braucht es nach 30 Jahren neue Ideen, nicht nur der Pandemie wegen.

 

Corona sorgt in jedem Fall für Spannung – der erste Festivalmonat läuft deshalb auch verändert ab und dafür greift der Chef persönlich zum Instrument…

 

Herr Korr, wie sind Sie zu den Brandenburgischen Sommerkonzerten gekommen?

Ich habe in den vergangenen zehn Jahren beim Kreuzfahrt-Anbieter Tui Cruises das Bord-Entertainment geleitet. Seit April 2020 bin ich jedoch in Kurzarbeit. Da erreichte mich im Oktober der Hilferuf eines befreundeten Musikers, dass die Brandenburgischen Sommerkonzerte einen Geschäftsführer suchten.

 

Ich kenne das Festival selbst sehr gut, habe selbst als Geiger Anfang der 2000er in Lübbenau die „Vier Jahreszeiten“ gespielt und außerdem einige Begleitprogramme organisiert. Ich bin seit zehn Jahren überzeugter Brandenburger – und kann nun mein Netzwerk für die Region nutzen.

 

Wie liefen die ersten Monate?

Es ging turbulent los. Da die Saison 2020 komplett abgesagt werden musste, waren wir noch stark damit beschäftigt, Kartenrückgaben abzuwickeln. Gleichzeitig musste die neue Saison aufgestellt werden. Wir hatten zum Glück einen guten Verkaufsstart, weil wir das Vertrauen der Stammgäste wiedererwecken konnten. Was wir beim Start nicht ahnten: dass wir immer noch in der Coronakrise stecken würden.

 

Wie planen Sie vor diesem Hintergrund das Festival?

So grotesk es klingt: Es gibt weder Gebote noch Verbote, weder feste Zeit- noch Finanzierungspläne. Wir haben drei Szenarien entwickelt: Vollkapazität, totale Corona-Kapazität mit 1,5 Metern Abstand zwischen den Besuchern und das Schachbrettmuster, bei dem jeweils immer ein Platz in den Reihen freigelassen wird. Und wir sind uns einig: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass wir mit einer vollen Kapazität arbeiten können. Die Gäste aber wollen kommen. Wir haben bereits viele Ticketverkäufe. Einige Konzerte sind in der strengen Corona-Variante schon ausverkauft. Das ist ein klarer Kulturauftrag, den die Gäste an uns richten!

 

Welche Wirkung entfaltet Ihr Engagement in die Branche hinein? Viele Kulturschaffende sehen kaum noch Land, einige Kreative entwickeln ständig neue Möglichkeiten sich zu zeigen und die meisten stehen wohl dazwischen.

Das ist richtig. Da sind zum Beispiel die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci, die früh abgesagt wurden – meiner Meinung nach zu früh, was eine kleine Schockwelle ausgelöst hat. Dann gibt es viele Kreative, wie zum Beispiel das Ensemble Quillo in Eberswalde, das auf einer „zuFußQultour“ kleine Musikstücke für Spaziergänger spielt. Diese kleinen, kreativen Sachen funktionieren aber für Festivals nicht, für die man hochkarätige und teure Künstler holt. Für diese braucht es einen guten Raum mit einer guten Akustik.

 

In der Branche spüren wir, dass es in Brandenburg noch eine große Zurückhaltung gibt, was Kulturveranstaltungen betrifft. Unsere Haltung ist aber: Wenn es nicht verboten ist, dann setzen wir unsere Pläne um. Diese klare Haltung führt dazu, dass andere Festivals bei uns anrufen und um Rat fragen. Wir sind wohl das erste Festival, das ein Angebot für eine komplette Testung aller Besucher vor Ort eingeholt hat oder das weiß, wie man Ensembles eng beieinander auf eine Bühne setzten kann – nämlich mit drei PCR-Tests in der Vorwoche. Das hat uns ein gutes Presse-Standing eingebracht, manche nennen uns gar „wagemutige Optimisten“.

 

Brandenburgisches Sommerkonzert 2015 (5)

Die Behörden sind natürlich sehr zögerlich. Aber das ist deren Auftrag. Unser Part ist es, mit konkreten Konzepten voranzugehen und die Behörden aufzufordern, „Stopp“ zu sagen, wenn etwas nicht geht – natürlich immer unter der Maßgabe, die Gesundheit der Gäste nicht zu gefährden.

 

Jenseits von Corona gibt es viele Neuerungen bei den Sommerkonzerten – das zeigt allein schon das Programmheft, das schon optisch anders aufgemacht ist und emotionaler wirkt. Warum gab es aus Ihrer Sicht Erneuerungsbedarf und wie sind sie diesem begegnet?

Erneuerungsbedarf ist immer da. Man kann sich mit keinem Produkt ausruhen. Die Grundidee des Festivals funktioniert schon seit 30 Jahren, die möchte ich auch nicht antasten: Diese besteht darin, gemeinsam Kultur zu machen und zu erleben und Menschen aus verschiedenen Regionen, aus Stadt und Land in der Natur und den Denkmälern zusammenzubringen.

 

Dennoch gibt es Erneuerungsbedarf, weil sich der Geschmack und die Vorlieben des Publikums und dessen digitales Verhalten ändern. Wir wollen – wie alle Kulturträger – das Publikum verjüngen. Eine wichtige Erfahrung aus meiner Zeit auf den Kreuzfahrtschiffen ist: Höre auf die Gäste! Deshalb wollen wir das Festival in diesem Jahr evaluieren. Das ist in der deutschen Kulturlandschaft durchaus ein heißes Eisen und stellt für viele Hochkultur-Institutionen keinen akzeptablen Ansatz dar.

 

Was bedeutet das für das Festival?

Die Brandenburgischen Sommerkonzerte sind als Klassikfestival gestartet, inzwischen ist es ein Künstlerfestival. Die Klassik ist eines von vielen Genres, daneben gibt es Jazz, Filmmusik und viele andere. Auf dem Land gibt es weniger Klassik-Fans, und ich möchte dennoch die Brandenburger mit niveauvollen Angeboten abholen.

 

Erneuerungsbedarf gibt es aber noch in einem anderen Punkt: Die Brandenburgischen Sommerkonzerte setzten sich von Anfang an intensiv für Denkmalpflege ein. Hunderttausende Euro Spenden sind in die Brandenburgischen Denkmäler geflossen. Hier hat sich der Bedarf nach 30 Jahren gewandelt. Es gibt nicht mehr so viele verfallene Herrenhäuser, aber jetzt müssen wir uns um unsere Natur kümmern, die immer schutzbedürftiger wird – zum Beispiel im Spreewald, wo der Klimawandel die Einzigartigkeit dieser Landschaft gefährdet. Im Park Branitz gibt es große Probleme mit Stressreaktionen der alten Bäume auf die Trockenheit. Die Natur steht vor dem Kollaps – und wir als Festival wollen unsere Kultur und unser Wissen einbringen, um etwas für die Natur zu tun. Daher auch unser neuer Slogan: Kultur – Begegnung – Natur.

 

 

 

Welche neuen Zielgruppen schweben Ihnen vor? Welche Formate finden Sie dafür? Ich habe gelesen, dass man hier und da mit seinem eigenen Picknick zum Festival kommen kann…

Ja, wir haben junge Menschen befragt und geschaut, was sie gerne machen. Das ist zum Beispiel Picknicken. Dahinter steckt ja der Urgedanke der Kaffeetafel, aber das ist für manche zu altbacken. Deshalb wollen wir den Rahmen für ein Picknick schaffen. Wir brauchen also gute Ideen, die wir integrieren können, ohne unseren Service-Gedanken zu verlassen, der da lautet: eine perfekte Organisation für die Zielgruppe 50+ zu leisten. Aber das brauchen junge Leute eben so nicht.

Brandenburgisches Sommerkonzert 2015 (23)

 

Das Picknick oder Begleitprogramme wie ein Abendliedersingen sind ja auch schöne Angebote für jene, die sich die Eintrittskarte vielleicht nicht leisten können oder denen das Programm in ihrem Ort einfach nicht so zusagt, die aber dennoch dabei sein wollen…

Ja, genau darum geht es: die einen nicht verlieren und die anderen dazugewinnen. Das mit den Ticketpreisen ist ein ewiges Thema: Unsere Karten sind hochpreisig, weil es funktioniert und weil die guten Ensembles eben viel Geld kosten. Und wer einmal dabei ist, kauft sich beim nächsten Mal vielleicht doch ein Ticket.

 

Zurück zum Landkreis Dahme-Spreewald. Sie sind Wahl-Lübbener: Was wussten Sie von der Region, bevor sie herzogen, und was haben Sie tatsächlich vorgefunden?

Ich war schon früher als Musiker öfter im Spreewald. Mein erster Anknüpfungspunkt war in Schlepzig das Restaurant „Zum Grünen Strand der Spree“ mit seiner Konzertreihe. Dort habe oft gespielt. Meine Frau und ich haben dann in Lübben geheiratet – wir wollten das weder in Berlin noch in Cottbus.

 

Als wir nach Lübben gezogen sind, waren wir positiv überrascht von der hohen Lebensqualität und der Freundlichkeit. Man ist gut an die großen Städte angebunden und gleichzeitig kann man das touristische Angebot vor Ort nutzen. Lübben ist also mehr für uns als eine Schlafstadt, obwohl wir beide nach Berlin und Cottbus zur Arbeit pendeln.

 

Wie würden Sie jemandem von außen den Landkreis und sein kulturelles Angebot beschreiben?

Es ist ein riesiges, vielfältiges Gebiet. Im Norden ist es vorstädtisch, das ist ja fast schon Berlin, und dann kommt man im Süden in dieses Feriengebiet und in das Biosphärenreservat. Es ist die Vielfalt – schnell in der Weltstadt Berlin und in der totalen Natur zu sein. Das prägt den Landkreis sehr – plus: Es gibt ganz viel lokale Kultur!

 

Dazu tragen wir selbst bei: 2019 habe ich zum ersten Mal die Lübbener Kahnnacht konzipiert und organisiert, im vergangenen Jahr musste sie ja leider ausfallen. Wichtig ist für uns, etwas für die Stadt, in der wir leben, zu machen und unser Wissen hier einzubringen.

 

Und auch mit den Brandenburgischen Sommerkonzerten machen wir ja im Landkreis Station: in Luckau und Straupitz.

 

Zu guter Letzt: Wo stehen die Brandenburgischen Sommerkonzerte in zehn Jahren?

In zehn Jahren ist es ein Festival für die ganze Familie, es ist durchdigitalisiert (wofür wir gerade eine App entwickeln) und es gibt mehrtägige Events – wir wollen die ganze Saison bespielen. Ziel bleibt es, Brandenburg in seiner ganzen Schönheit und Vielfalt und mit der großen Kultur erlebbar zu machen.

 

Brandenburgisches Sommerkonzert 2015 (13)

 

Tickets und weitere Infos: https://www.brandenburgische-sommerkonzerte.org/

 

 

PROGRAMM im Landkreis Dahme-Spreewald:

 

Samstag, 12. Juni, 17 Uhr, St. Nikolaikirche Luckau

Württembergisches Kammerorchester & Stefan Dohr (Horn)

Dirigent: Case Scaglione

 

Programm

David Diamond: Rounds for strings

Wolfgang Amadeus Mozart: Hornkonzerte Nr. 2 Es-Dur KV 417 und Nr. 4 Es-Dur KV 495

György Ligeti: Ramifications

Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonie Nr. 21 A-Dur KV 134

 

Beiprogramm

 

Radtour

Alte Kirchen im Naturpark Niederlausitzer Landrücken

14 Uhr | 90 – 120 min | Euro 10,-

Hinweis: Bitte bringen Sie Ihr eigenes Fahrrad mit!

 

Führung

Edelmond Schokoladen Manufaktur Zöllmersdorf und Verkostung

14.30 Uhr | 60 min | Euro 10,-

 

Führung

Altstadtführung durch Gärten, Parks und Gemäuer

14.30 Uhr | 60 min | Euro 7,-

 

Lesung

Monika Maron liest »Artur Lanz« in der Kulturkirche Luckau

15 Uhr | 60 min | Euro 10,-

 

Gesang

Gemeinschaftliches Abendliedersingen am Schlossberg

19.30 Uhr | Eintritt frei

 

Mit Spendeneinnahmen wird die Renovierung des Bürgerhauses in Luckau unterstützt.

 

 

Sonntag, 11. Juli, 17 Uhr, Schinkelkirche Straupitz

Windsbacher Knabenchor & Ursula Jasiecka-Bury (Orgel)

Musikalische Leitung: Martin Lehmann

 

Programm

Chorwerke von Johannes Brahms, Felix Mendelssohn, Francis Poulenc, Jake Runestad, Ernst Pepping

 

Beiprogramm

 

Führung

über den Kornspeicher Straupitz

14.30 Uhr | 45 min. | Euro 8,-

 

Besuch und Führung

durch die Holländerwindmühle mit kleiner Ölkostprobe

14.30 Uhr | 60 min. | Euro 7,-

 

 

Bild zur Meldung: Wolfram Korr, Geschäftsführer der Brandenburgischen Sommerkonzerte. Foto: PR/Paolo Risser